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Sierra Nevada Spanien 2013

Verfasst: Fr 24. Mai 2013, 15:47
von milestone
Reisebericht Ostern 2013

Arbeitstitel: Für 100 Gramm mehr!!!

Dieser Bericht enthält Rechtschreibfehler, weil ich stinkend faul bin.

Wie alles begann
Nachdem R nicht mit nach Schottland kam, fragte er mich Mitte 2012 ob wir nicht doch nochmal zusammen losziehen. Er schlug entweder irgendwas in der Schweiz vor oder die Sierra Nevada/Spanien. Meine Wahl war sofort Sierra Nevada.

Und da von manchen bemängelt wurde, dass ich so emotionslos schreibe, werde ich versuchen in den Bericht mehr Emotionen zu legen.

Es stand also fest, Spanien, Andalusien, Berge… ich war begeistert, stellte aber die Bedingung, dass R sich um die Planung kümmert… aber dazu später mehr.
Jetzt kam aber der Hammer. Und da hab ich ihn insgeheim für wahnsinnig erklärt. Er will da zu Ostern hoch. Weil er nur dann Urlaub bekommt. Auf über 3000. Ich dachte mir so „… ok, bitte. Wenn du dir das zutraust.“
Ich hab ihn dann mal nach Bildern googeln lassen, Stichwort Ostern und Sierra Nevada, und welch Wunder, da ist Schnee und Skisaison. Nach einigen Gesprächen sah er dann doch ein, dass Steigeisen keine schlechte Idee sind. Und da war es auch schon wieder passiert. Zwups hatte ich die Planung wieder an mich gerissen. Oder wurde sie mir überlassen? Schwer zu sagen. Manche Dinge wollen aber auch überlegt sein.

Es folgte das gemeinsame Buchen der Flüge von DD nach Malaga, bzw. von ZH nach Malaga und zurück. Mit Papierkarten sieht´s echt mau aus. Viele Händler und Verlage haben nur den westlichen Teil, nicht aber die gesamte SN mit allen Wegen/unmarkierten Pfaden. Das ist dann nervenaufreibend… also geht’s los, googeln und noch mehr googeln.
Was ich wieder für Stunden vor dem Rechner gesessen habe…. Auf einer offiziellen spanischen Seite kann man Topo-, Raster- und sonstige Karten legal herunter laden (sogar CAD kompatibel), dass hab ich dann auch gemacht.
Zusätzlich hab ich mehrere Karten gekauft oder bestellt. Im Internet fand ich nur einen einzigen spanischen Bericht über die Überschreitung der Sierra von West nach Ost und es gibt nur eine einzige Karte (spanischer Verlag) wo die Überschreitung wegetechnisch überhaupt eingezeichnet ist.
Ich war am verzweifeln. Aber zumindest hatte(n) ich/wir jetzt ne Planungsgrundlage. Und ich hatte einen GPS Track. Auch die Mailkontakte zu den spanischen Wandervereinen waren hilfreich. Sämtliche deutschsprachigen Seiten hatten nur Tipps zum westlichen Teil oder den GR-Wegen.

Geplant wurde folgendes: Anreise per Flieger über Malaga, mit dem Bus nach Granada, Übernachtung in Granada, dann mit dem Skibus bis ins Skiresort und mit Liften soweit hoch wie es geht. Dann laufen bis zum Refugio Caldera und Besteigung des höchsten Gipfel Andalusiens. Die nächsten Tage über die Bergketten nach (Nord) Osten laufen bis zur Hauptstraße, welche die Sierra kreuzt und dort dann weiter sehen. Das sind nur 40 km Laufstrecke. Aber davon kann man bekanntlich im Gebirge nie ausgehen(mal schafft man 20 km am Tag, mal nur 5). Was wir mit der (vielleicht) restlichen Zeit anfangen, wollten wir vor Ort individuell entscheiden. Vermutlich Granada und Umland ansehen.

Zwischenzeitlich wurde die Ausrüstung noch etwas aufgestockt und/oder optimiert.

Zeitsprung… 1 Monat vor Ostern:
Deutschland erfreut sich noch immer am Schnee. Und ich checke jeden Tag die Schneehöhen in Spanien. Ich hatte mit Verhältnissen wie Ostern 2011 geplant, geringe Schneehöhen, paar Eisfelder, viel schneefreies Gelände, also ohne Schneeschuhe. Und jetzt… Fäkalien, dort liegen laut Internet 2 m Schnee auf den Gipfeln, Schneegrenze fällt auf 1800 m.
Langsam mach ich mir Sorgen und DAS muss was heißen.
Wenn´s erst zu Ostern taut, dann ist das wie laufen durch ein Minenfeld…. Lawinen, abgehende Schneebretter, Steinschlag, Schmelzwasser, usw. Ich mach mir Gedanken übers „hopps“ gehen. Es ist ja schon doof… Bergung, Totenschein, Polizei, Angehörige informieren, Überführung, Beerdigung und nervende Angehörige, die einen Schuldigen suchen und die in deiner Wohnung wühlen. Ich beschließe daraufhin, das „hopps“ gehen sein zu lassen.

Also wieder Stunden vor dem Rechner und den Karten brüten. Wir wollen keine Flachlandwanderei machen. Also gucken nach Notabstiegen, Alternativrouten, Anfragen an die Zivilschutzbehörde, checken von Lawinenwarnstufen, usw… Uuppps die einschlägigen Internetseiten sagen was von Lawinenrisiko 4.
Ich/wir gedenke/n einfach die Lawinengefährdeten Hänge zu meiden. Demnach findet sich entsprechende Ausrüstung auch nicht in der Planung wieder. Somit verzichten wir nach langen Überlegungen auf LVS und Sonde.
Die erste Unterkunft ist mittlerweile gebucht und der Urlaubsschein unterschrieben. Ich freu mich auf die Tour mach mir aber Gedanken.

3 Wochen vor Abflug:
R konnte die begehrte spanische Karte auftreiben. Die Schneegrenze liegt bei 1800 bis 2000, endlich sind aktuelle Bilder der Region im Netz und unsere Ausweichrouten sind überlegt. Die Wohnung hängt voll mit Karten im 25T und 40T Maßstab (ich brauch das irgendwie zur Visualisierung jeder Tour). Nachwievor tägliches checken der einschlägigen Internetseiten. Bin aber beim Anblick der aktuellen Bilder etwas beruhigter.

Neben dem allgemein bekannten Volkslied „Wenn der Bus umkippt“ und dem Ohrwurm „Wenn der Flughafen brennt“ habe ich ein neues Tourenlied komponiert: „Wenn die Lawine abgeht, sind wir alle alle tot. Und weil Englisch heute so hipp ist: „If the Avalanche come down….“. Ich weiß, manche sagen, dass sei ein alter Hut. Daher mein Plan B:
„Ein bisschen Schneefall, ein bisschen Steinschlag, ein bisschen Absturz, das reicht zum Sterben“. Ähnlichkeiten mit einem Lied von Ralph Siegel sind rein zufällig.

2 Wochen vor Abflug:
die letzten organisatorischen Dinge werden erledigt. Da ich in Rumänien auf den Geschmack eine GPS Gerätes gekommen bin, hab ich mir wieder eine solches bei Freunden geborgt (hier mein Dank dafür).
Und immer wieder Wettercheck. -10 °C und ab und an leichter bis mäßiger Schneefall sagen die harten Fakten. Und die Webcams sind sich auch einig. Ich hab so ne ungute Ahnung …“wir werden dort gewaltig „auf die Fresse“ bekommen oder zumindest ordentlich rum eiern“. Die ersten Ausrüstungsgegenstände werden raus gelegt und deren Notwendigkeit oder Einsparvermögen (gedanklich) abgewogen. Das ist der Nachteil bei so viel Zeug und so unsicherer Wetterlage. Wenn de was nicht mit hast, brauchste es und wenn de es mit hast, brauchste es nicht
und gleichzeitig so viele Eventualitäten wie möglich abdecken. Aber ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich mit futter und der Hälfte des Gemeinschaftsgutes nicht unter die 20 +x kg kommen werde. Also alles wie immer.

Eine Woche vor Abflug:
die Lawinenwarnstufe sinkt auf 2, und es werden einstellige Plusgrade vorhergesagt. Ich bin beruhigter. Das Futter ist in Sack und Tüten und auch die Karte für das GPS Gerät ist organisiert, geladen und läuft. Ich versuche mich auf die scheiß QM Prüfung des Fernlehrgangs vorzubereiten, aber die Gedanken schweifen. Zu tun gibt es nichts mehr.

Tag 1 Anreise:
Ich steige in DD in den Flieger nach Frankfurt und werde erstmal zur Gepäcknachkontrolle gerufen, eine Dose Streichhölzer erregte etwas Aufsehen. Der Rest läuft reibungslos. R. und ich treffen uns in Frankfurt und fliegen weiter nach Malaga. Dort angekommen folgt der erste Anflug von Unsicherheit, da das Gepäck von R. nicht auf dem Gepäckband liegt und es zu gleich stoppt. Nach etwas komisch gucken und blödes Gesicht ziehen wird uns die erste „Höfflichkeit“ Spanienes zu teil..... „NON EU luggage is on the other belt“... brüllt es durch die Halle. Charmant!. Raus aus den Flughafen und der 15°C Wärmeshock zwingt zum Sachen ablegen. Nach einer Zigarette geht es mit dem Bus weiter in die Stadt. Dort dann die erste Ernüchterung…. Spanien, Andalusien, Flamenco, Feuer, Leidenschaft…. Nichts davon ist zu sehen. Stattdessen Hochhäuser in grottiger Bausubstanz und viel herumliegenden Müll. In Malaga am Busbahnhof angekommen gönnen wir uns ein Bier und ein hamburgerähnliches Gericht aus einer Imbissbude.
Weiter geht es 1,5 Stunden mit dem Überlandbus des Betreibers ALSA über Schnellstraßen vorbei an Olivenbaumplantagen und kleineren Hügeln und Feldern nach Granada. Die Landschaft abseits der Autobahn ist manchmal ansehnlich, aber irgendwie will ich endlich Berge. Von den typischen Prospektfotos von Andalusien ist nichts zu sehen.
In Granada angekommen dunkelt es bereits. Wir besorgen uns am Abend gleich noch die Tickets für den Skibus nächsten Morgen. Was man hat, hat man.
Danach laufen wir vorbei an halb fertiggestellten Straßenbahnstrecken der Einfallstraße nach in Richtung Innenstadt. Die Rucksäcke sind voll mit allem was wir die nächsten Tage brauchen werden. Das glauben wir, aber 100 gr etwas ganz elementaren hat uns dann doch gefehlt. Dazu später mehr.
Einzig Benzin fehlt noch. Aber da gegenüber vom Busbahnhof eine Tanke ist, denken wir uns, dass wir uns den Sprit morgen früh holen werden. Das Hotel, welches billiger ist als 2 Betten im Hostel, habe ich im Voraus gebucht und wir finden es mitten in der Altstadt. Hier ist eine Menge los und viele Menschen sind auf der Straße. Nach dem Einquartieren ziehen wir nochmal los. Was wir erst viel später mit bekommen ist der Grund für den Menschenauflauf. Die Osterprozessionen Semana Santa (die wir uns aus Unwissenheit leider nicht angesehen haben). Wir trinken in verschiedenen Kneipen ein paar Bierchen und essen teilweise sehr leckere Tapa. Im Laufe des Urlaubs haben wir gelernt, dass Tapa alles Mögliche sein kann. Ein Stück Wurst, Brot mit Aufstrich, ein kleiner Snack, einfach alles. Die Tapa in der ersten kneipe waren aber irgendwie die Leckersten. 2 € für eine Cana und ein Tapa sind der Standartpreis. Allgemein hat Spanien ein ähnliches Preisniveau wie Deutschland. Vor lauter Bier und Strassenfest, kam zwischenzeitlich der Gedanke auf, den Marsch um paar Tage zu verschieben..... ach... hätte.... man..... bla bla.... Irgendwann gehen wir zurück in das Hotel und packen, duschen und schlafen.

Tag 2 Der geilste Zeltplatz:
Wie geplant laufen wir beizeiten los um den Skibus in die Sierra Nevda zu bekommen. Dieser fährt 8 Uhr ab. An der Tankstelle angekommen trifft uns der Schlag, es ist 7:35
Uhr und die Tanke hat zu. Was also tun? Ich geb R. den Rucksack und schnapp mir die Benzinflaschen und lauf einfach die Hauptstraße nach in der Hoffnung, dass da irgendwann noch ne Tanke kommt. Und ich habe nach 800 m Glück. Ich tanke auf und bin 8 min vor Abfahrt wieder da. Wir steigen ein und fahren die Stunde ins Skigebiet nach Pradollano. (Rechtschreibfehler bei Orten möge man mir verzeihen) Als wir ankommen regnet es, aber die Hänge und Gipfel sind weiß. Wir bekommen einen ersten Eindruck, wie man in Spanien mit einmal gebauter Infrastruktur (Strassen, Wege, Hotels .... umgeht) Einmal gebaut, wird es dem Willen des Wetters hingegeben. Danach geht es noch zu nem Bäcker und kaufen Brot und nen Kaffee for take away.
Wir gehen zur Kasse und wollen Liftkarten kaufen. Hier der erste wirkliche Rückschlag. Wir können zwar mit der Gondel bis zur Mittelstation fahren, aber Tickets für den Sessellift will man uns als Fussgänger nicht geben. Wir fahren mit der Gondel bis zur Mittelstation und wollen da unser Glück erneut versuchen. Dort angekommen ist das Wetter super, Sonnschein und die Wolken unter uns. Doch alles Bitten und Erklären und Versichern hilft nichts. Die Liftbetreiber wollen uns als Fußgänger nicht im Sessellift mit nehmen. Sowas paradoxes habe ich noch nie gehört. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir an der Talstation nie ein Wort von „Fussgänger“ erwähnt und hätte sicher ne Tageskarte bekommen. Stichwort: Erfahrung. Auch den letzten Shop auf der Mittelstation lassen wir links liegen (Fehler – 100 gr).
Das wirft uns ordentlich zurück. Denn nun heißt es Aufstieg am Pistenrand. Also die Gletscherbrillen auf die Nase und losstiefeln. Ach wie schön wäre es, mit den anderen den Lift hochzufahren und die Pisten runter zu wedeln. Stattdessen stehen wir auf 2270 und müssen/wollen auf 3200. Und so schnaufen wir uns, an den Pisten orientierend, im Schnee nach oben. Ab und an umdrehend und Bilder machend von der super Landschaft. Gott bin ich fertig. Gott sind wir fertig.

An den Liftstationen machen wir Pause. Und langsam zieht es auch zu. Die Orientierung fällt schwerer und wir nutzen zunehmend das GPS zur Orientierung. Hier habe ich einen Planungsfehler gemacht. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir mit dem Lift hoch kommen. Leider hat uns dieser Fehler 3 Stunden gekostet und das Wetter wird zunehmend schlechter. Sichtweiten von 10 metern oder weniger und heftiger Eiswind machen das Laufen schwer.
Also ein Ausweichplan, da es mittlerweile 14 Uhr ist und ich um diese Zeit schon fast am ersten planmäßigen Lager angekommen sein wollte (Refugio Caldera). Ich habe mich immer wieder über unsere Route belesen, informiert und die Ausweichrouten erst ab dem Refugio de Calderea geplant. Nicht aber, dass wir nicht mal bis dahin kommen.
Laut GPS soll aber ein anderes Refugio in der Nähe sein. Das Refugio Caregüela. Nur leider haben wir das nicht gefunden und wir vermuten/wissen/schätzen und analysieren nachher zu hause... dass es einfach komplett unter Schnee begraben war.

R meinte dann, dass ihm ein Abstieg das liebste wäre. Seine meinung:"Scheisse, wir haben nichts mehr gesehen und konnten auch keine Karte mehr lesen."
Aufgrund der Sicht, des Windes und der allgemeinen Verfassung entschieden wir uns für einen sicheren Abstieg zurück ins Skigebiet. Auch wenn ich noch voller Elan und Tatendrang war und das mit einem eher leicht weinenden Auge betrachtete. Zumal wir erst den Scheiß hochgelatscht sind. Und so liefen wir an einem Pistenrand wieder herunter auf 2700 m und fanden dort eine Ebene abseits der Pisten.

Hier sah es gut aus, keine Lawinengefahr, ebene Fläche und langsam klarte es auch wieder (zu meinem Unmut über den Abstieg) wieder auf. Also was machen mit dem angebrochenen Tag? Richtig… eingraben. Also einen Graben ziehen und eine Schneemauer um die Zeltfläche errichten, die Kochnische unter dem Vorzelt ausheben und die mega super geniale Aussicht genießen. Danach essen und schlafen gehen.
Nochmal den sternenklaren Himmel betrachten und einschlafen.

Tag 3 Wie man den Fotoapperat verliert:
Das Wetter am nächsten Morgen sah ok aus. Unsere Gesichter nicht. Jetzt kommen die 100 gr in Spiel – Sonnencreme. Wir sahen aus wie gekochte Hummer und hatten ein leichtes Ziehen im Gesicht. Es sollte noch stärker werden.
Auf dem Lift waren nur sehr sehr wenige Leute und bald gar niemand mehr. Wir stiegen also wieder an einem Pistenrand nach oben auf. Das gleiche Spiel wie gestern. R´s Gesicht und auch meines waren von der Sonne leicht gerötet.
Auf dem Aufstieg kam uns ein Pisteninstandhalter, auf spanisch: servica pista, entgegen und fragte uns ob alles ok sei und dass oben viel Wind sei. Yes wind, yes. A lot....... Aber schlimmer als gestern könnte es nicht sein, dachten wir uns und stiegen weiter auf. Wieder auf 3300 angekommen folgte das gleiche Spiel wie tags zuvor. Nur diesmal Sichtweiten von 2-5 metern und stärkerer Wind. Diesmal war es ein reines laufen nach GPS.
Wo ist die geschlechtsverkehrte Straße? Selbst wenn die Zugeweht ist, muss doch was zu erkennen sein. Ganz große Fäkalien.

Ich laufe so, auf das GPS sehend und 5 meter gehend und wieder auf das GPS sehend. Und mit einem mal war da der Schnee weg. Ich merke wie ich rutsche und schreie noch „Achtung“. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich zum erliegen.
Erster check, alles ok, keine Schmerzen. Ich sehe mich um und sehe R. ca. 12 meter schemenhaft über mir an einer Kante stehend. Laut GPS bin ich genau auf der Straße. Doch hier ist alles weiß in Weiß. Absolutes withe out. R. stand am Rand und hoffte nicht weg geweht zu werden. Es ist einfach nicht erkennbar wo ich mich befinde, einzig die Eis und Schneewand neben mir erkenne ich. Logisch, das Zeug lag ja nun überall.
Ich schnalle den Rucksack ab und befinde mich noch immer in einer Art flacher werdendem Hang. Über mir die fast senkrechte Wand die ich soeben runter bin. Was also tun? R. zu mir herunter holen? Das geht vielleicht nicht so gut aus. Also muss ich wieder hoch. Nun hab ich aber das Seil und nicht er. Nach einigem hin und her schnalle ich den Ruchsack wieder auf und fange an mit dem Pickel Stufen zu schlagen und mich so nach oben zu arbeiten. Mit 25 kg auf dem Rücken eine schweißtreibende Angelegenheit.
R. meint dann als er mich mit den Stöcken aneinander gebunden erreichen kann, ich solle ihm das Seil hoch geben und er zieht den Rucksack und mich hoch. Schlussendlich binde ich zuerst das Seil und anschliessend den Rucksack an den Stöcken fest. Damit er den Rucksack hoch ziehen kann. Langsam bewegt sich der Rucksack etwas verhakend nach oben und ich kann nun (ohne den Rucksack) leichter mit dem Pickel nach oben klettern. Wieder oben angekommen folgte das große juhuu und erstmal ausruhen.
Dann die Ernüchterung. Mein Fotoapparat hing mit einem Karabiner am Rucksack. Der Karabiner ist noch da, die Tasche des Foto ist aber abgerissen. Ein Blick nach unten zeigt nichts als weise Leere. Also eingebüst. Damit sind auch alle Bilder der Vortage weg.
Der Eiswind nimmt zu und bringt kleine Wasserkristalle, die sich gefrierend auf den Sachen nieder legen, mit sich. Ich bin zwar k.o. und gefrustet aber noch voller Elan. Was also tun? Die Straße/Weg zum Refugio Caldera ist so nie und nimmer zu finden. Und nochmal Schneemann spielen… nee danke. Das Refugio Caregüela ist nicht zu finden und hier oben wird’s langsam sogar für mich echt ungemütlich. Entweder hier oben anfangen einzugraben wo man nicht mal weiß, was 5 m neben einem ist oder woanders hin. Verdammt, die Sichtweite hat mit unter nicht mal mehr für 2m gereicht. Es zog uns permanent die Beine weg und der 25kg Rucksack bot dem Wind eine perfekte Angriffsfläche. Eine normale Konversation war nicht mehr möglich. Also ist schnell klar… nüscht wie weg hier. Ein Blick auf die Navigationsinstrumente zeigen, dass es die Elorrieta Hut (ein weiteres Refugio) nur
2,5 km von hier gibt. Dafür müssten wir nicht mal absteigen. Zwar ist der Zugang dahin als lawinengefährdet verschriehen, aber die Warnstufen gingen ja auf 1-2 zurück. Wir befinden uns noch immer auf 3200m und versuchen nun den Kamm entlang zu laufen. Nachdem uns der Wind mehrfach zu Boden wirft, die Sicht katastrophal ist und die Strecke eine einzige Hangwanderung ins Nichts ist, schreie ich R zu, dass wir sofort absteigen. Nicht nur zurück bis zur Ebene des letzten Zeltplatzes, sondern ganz Runter. Selbst die Lifte hier oben fahren wegen Sturm nicht mehr.
Es bringt so einfach nichts mehr. Also gehen wir zurück zur Skipiste und laufen diese herunter. Auch weiter unten wird die Sicht nicht besser als 5 bis 10 meter. Wir laufen und laufen und bemerken das Problem. Die Piste führt zu einem Lift der tiefer liegt als die Mittelstation mit der Gondel. Am Lift angekommen hat aber der Liftbetreiber erbarmen und lässt uns auf dem Sessellift mit fahren.Der einzig nette höffliche Spanier, den ich im ganzen Urlaub getroffen habe. Wirklich ein guter Mann!

Noch immer Null Sicht und eisiger Wind. Meine Handschuhe sind durchnässt und ich bin froh noch die Skihandschuhe in Reserve dabei zu haben. Auch die Skihose hat an diesem Tag wertvolle Dienste geleistet. Wir laufen die letzten 1000 meter zur Mittelstation und fahren mit der Gondel nach unten. Heute macht das alles keinen Sinn mehr. Wir sind beide knülle und fertig und froh wieder mehr als 10 Schritte weit gucken zu können.
Wenn gleich wir doch etwas unmutig über den zweiten Abbruch sind. Wir nehmen den Bus nach Granada und nisten uns auf dem Zeltplatz neben dem Busbahnhof ein. Ihh, Zivilisation. War grad so schön ruhig da oben. Duschen, futtern und beschließen einen Tag Auszeit. Schließlich haben wir genug Tage in Reserve und ziehen so den Besuch von Granada einfach vor. So ist das eben, manchmal macht einem das Wetter einen Strich durch die Rechnung.

Tag 4 Touristen in Granada:
Der Morgen beginnt früh, als R mich noch vor dem Wecker weckt und meint gegen 6:30 Uhr, dass er ins Krankenhaus will. Sein Gesicht ist komplett zugequollen. Ich habe zwar auch Sonnenbrand im Gesicht, aber finde das jetzt nicht so gravierend. So gehen wir gegen 7 Uhr zum nächsten Krankenhaus, wo wir nach 30 min und einer Cortisonspritze „You will get an incjection in you butt“ wieder raus sind. Was will man bei Verbrennungen im Gesicht auch anderes machen. Die Schwellung muss abklingen und den Rest macht der Körper alleine. Was hier wie eine Lapalie klingt, waren für R ernsthafte Schmerzen. Ich empfand meinen Sonnenbrand nur störend, das mir dauernd die Hautfetzen ins Bier gefallen sind.
Jetzt halten wir am Tagesprogramm fest und fahren mit dem Bus zur Alhambra. Kurz vor 8 der Schock… Menschen über Menschen. Meine Abneigung gegen Massen von fremden Menschen zeigt sich. Und wir bekommen mit, dass es nur eine begrenzte Anzahl von Tickets gibt und dass es nur 2 Einlasszeiten gibt. Wir schaffen es am Automaten Tickets für den 14 Uhr Einlass zu bekommen und nutzen die verbleibende Zeit für Kaffee, Bier und Stadtbummel. Hier wurde uns langsam verdeutlicht, dass so ziemlich jeder Spanier dem wir begegneten einfach nur unfreundlich und angenervt ist. Ich kaufe mir eine billige neue Kamera in einem Kaufhaus und siehe da, das Wetter ist super, strahlender Sonnschein und selbst die Sierra ist klar zu erkennen. Man könnte sich in den Arsch beißen. Wir hier unten und das tollste Wetter da oben.
Rückblickend betrachet, ist R aber froh, dass er mit seinem Gesicht in der Nähe von einem Krankehaus aufgewacht ist und nicht am Arsch der Welt. Dort oben hätte ihm niemand helfen können.
Wir gehen auf die Alhambra und sehen uns die Alcazaba von Granada an. Am Abend beschließen wir morgen mit dem Bus nach Trevelez zu fahren und dort den Aufstieg erneut zu wagen. Dort liegt auch eine bewirtschaftete Hütte auf dem Weg.

Tag 5 Zeitumstellung:
Wir machten uns den Abend vorher noch kundig über die Fahrpläne des Busses nach Trevelez. Der sollte 12 Uhr und 16 Uhr fahren. Also haben wir noch Zeit, und trocknen unsere Sachen um Waschraum und spielen Karten. Langsam wackeln wir zum Busbahnhof und
wollen die Karten kaufen. Es ist 11:30 Uhr. Da fragt die Verkäuferin, ob wir den 16 Uhr Bus nehmen wollen, wir sagen nein, den 12 Uhr. Sie meinte, der ist schon weg. Da klingelt es aus tausend Glocken. Winterzeit, Sommerzeit, Zeitumstellung. Wir beißen uns in den Arsch, haben wir doch die ganze Zeit nur rum gesessen. Es bleibt aber nichts anderes übrig als zu warten. Damit ist dieser Tag vertan. R. geht es immer noch nicht so richtig gut. Und sein Sonnenbrand macht ihm noch zu schaffen. Ein nasses kühlends Handtuch war sein treuer Begleiter.
Auch die längste sinnloseste und nervigste Wartezeit geht vorbei und wir fahren die 3 Stunden mit dem Bus nach Trevelez durch die südlichen Ausläufer der Sierra Nevada. Die Gegend ist ganz nett, auch für Tageswanderungen. In Trevelez angekommen laufen wir im Dunkeln zum Zeltplatz und nisten uns auch da ein.
Mir gefällt der Zeltplatz gut und die Betreiber scheinen auch begeisterte Bergsportler zu sein. An den Wänden des angehörigen Restaurants hängen Bilder ihrer Erlebnisse und Besteigungen. Es ist ja auch nicht verwunderlich, wenn man mitten in den Bergen wohnt, dass man da so eine Leidenschaft entwickelt. Mir gefällt sowas. Trotzdem war der Bertreiber äußerst unfreundlich obwohl neben uns nur ein weiterer Tisch belegt war. Meinung von R.: "Der Typ war scheissunfreundlich. So etwas hat man selten gesehen.... Auf die Frage, welche Suppe er den hätte, meinte er „liquid soup“ (flüssig Supper) Was für ein Witzbold." Etwas auflockernd wirkt die Frage nach dem Aufstieg zum Refugio Poqueira und der kleine Tipp, dass es einen Weg vom Zeltplatz zur Hauptroute gibt.

Aber das ist für mich sehr prägend in Erinnerung geblieben für Spanakien. Überall die Unfreundlichkeit gegenüber Gästen, die ja arbeit machen. Die kotzt es doch an, etwas tun zu müssen. Wir beratschlagen, was wir machen, R fühlt sich trotz der Ruhetage nicht wohl und möchte doch lieber wieder nach Granada, wo es einen richtigen Arzt gibt, falls es ihm nicht besser geht. Ich will noch immer auf den Mulhacen, dafür bin ich hier. Also überlegen wir. Gemeinsamer aufstieg mit allem Gepäck, gemeinsamer Aufstieg mit dem nötigsten und den Rest auf dem Zeltplatz lassen oder ich geh allein leicht und schnell. Wir verschieben die Entscheidung auf morgen früh und gehen nach dem Essen schlafen.

Tag 6 Aufstieg, Abstieg und Tschau Berge:
Wir stehen auf und der Wetterbericht für die nächsten 2 Tage sieht super aus. Nach langen hin und her, nachdem R sich selber eingeschätzt hat und viel anschweigen beschließe ich, dass ich unnötiges Gerassel (Zelt!) bei ihm lasse und er mit dem Bus nach Granada fährt, da er sich nicht in der Lage fühlt auf den Berg zu gehen. So packe ich flink (reduzieren auf „light and fast“) und laufe los. Nach 300 metern kommt er mir hinterher gerannt und meint, dass er doch mit kommt. Wir laufen zurück zum Zeltplatz und ich sage ihm, das wir jetzt auf 1560 m sind und das Refugio auf 2500 und der Mulhacen auf 3500. Er kommt ins zweifeln und ich sehe ihn an und sage ihm klar, dass ich nicht denke, dass er das derzeitig körperlich und moralisch packt. So verabschieden wir uns erneut und ich laufe los. Er packt in zwischen alles zusammen, geht ins Dorf und vertreibt sich dort die Zeit mit warten, Bier, Tapa und viel warten. Schließlich fährt der erste Bus 16 Uhr und jetzt ist es kurz vor 10. Ich schraube mich die Forststraße hoch und biege dann auf den Wanderweg ab. Auf 2100 erreiche ich einen Hubschrauberlandplatz und ein paar Ruinen auf einer Ebene (die erste die sich auch realistisch zum Zelten eignen würde) und mache dort Pause. Noch ist die Schneegrenze nicht erreicht. Der Wind pfeift langsam ordentlich und man sieht wie er über die schneebedeckten Kämme weht. Die Sonne scheint und der Himmel ist fast klar. Also gute Bedingungen. Ab 2200 verliert sich der Weg im Schnee und die wenigen kniehohen Markierungspfosten des Weges sind einfach weg. Ich schnaufe im fast rechten Winkel zu den Höhenlinien nach oben, da ein Weg nicht mehr erkennbar ist. Der Schnee ist hier ca. 60 cm hoch und wird teilweise vom Schmelzwasser unterspült. Manchmal ist er fest, manchmal sinkt man fast bis zu Hüfte ein. Als ich auf 24xx m auf einem Plateau mit einer
weiteren Ruine stehe und auf die Karte sehe und einen Abgleich mit dem GPS mache, ziehe ich Bilanz. Die Forststraße, wo definitiv wieder ein Weg sein sollte ist noch 200 hm über mir, ein Weg dahin ist nicht erkennbar, der Wind haut mich manchmal trotz des Rucksacks zur Seite. Und irgendwie macht das alles alleine einfach keinen Spaß. Man kann die Erlebnisse mit niemandem teilen. Die Aussicht ist zwar mega toll. Aber genießen kann ich sowas alleine irgendwie nicht. Ein innerer Zweikampf beginnt. Aufsteigen und wenigstens den einen Berg einsammeln oder wieder absteigen zu R.? Den Bus könnte ich noch kriegen, was ist wenn ich hier doch absegel obwohl das Gelände gängig ist…. vereinbart war, das wir uns in 2 Tagen in Granada treffen. Auch wenn es mich sehr wurmt, aber n Stück Vernunft und dass wir den Urlaub zu zweit machen wollen bewegen mich am Ende umzudrehen und den Berg sein zu lassen. So stoße ich kurz vor Abfahrt des Busses zu R. und wir fahren wieder die 3 Stunden fast unverrichteter Dinge nach Granada. Schlagen dort auf dem Zeltplatz wieder das Lager auf und lassen den Abend ausklingen. Das war´s mit den Bergen. Auf die Idee in Trevelez zu bleiben und Tagestopuren zu machen, kommen wir nicht, da sich R. noch immer nicht gut fühlt und die Nähe zur schnellen medizinischen Versorgung bevorzugt. Also farhen wir nach Granada und nisten uns auf unserem alten Zeltplatz ein.

Der Rest ist nicht sonderlich schreibenswert. Wir fahren nach Malaga sind Touristen in der langweiligsten Gegend von Spanien. Nicht umsonst heißt es: "Ich empfehle Ihnen die Küste Andalusiens... Sie werden ein für alle Mal vom Reisen geheilt sein." (Camilo Jose Cela, Literaturnobelpreisträger)
Abschließend noch die Wettereinschätzungen von den folgenden Tagen für die Sierra Nevada:
Avalanche risk 3 General situation - Snow over 2000m (2300m south). Areas of very hard ice exist. HIGH AVALANCHE RISK! Some access problems in forests tracks. Avalanche risk San Juan valley! Areas of windblown hard ice. Refugio Poqueira - Snow level 2300m. Recommended access to the refuge from Capileira..... Cebadilla Power Station. Refugio Caldera in good condition.

Realistisch eingeschätzt würde ich sagen, dass die beiden ersten Abstiege richtig waren und der dritte Aufstieg durchaus hätte gelingen können. Das Wetter kann man nie kalkulieren wenn man nur begrenzte Zeit vor Ort hat. Dazu kommt (vielleicht nachteilig) das Ego, welches den Urlaub, die Zeit und die Investitionen nicht einfach verstreichen lassen will. Auch die körperlichen Gebrechen kann man nicht kalkulieren. Sicher wären Sie zu vermeiden gewesen. Und dort lag die (hier fatale) Fehleinschätzung und Verdrängung von bereits erlebten. Der Ausweichplan „Meer“ war ein Schuss in den Ofen, der so nie gedacht war. Aber es war lehrreich und leerreich. Abschließend hat mir der Teil von Andalusien absolut nicht zu gesagt und ich bin nicht gewillt nochmal Geld in diesem Land zu lassen, außer für einen erneuten Versuch der Sierra-Überschreitung.
R. meint dazu:
"Es war sehr schade wie es gelaufen ist und wir hatten beide andere Ewartezngen an diese Zeit. Trotzdem war es schön. Das Highlight war aber, das E sich in Malaga noch ne olle Iren-Kappe besorgt hatte und ich dann 24h neben O’Doyle verbringen durfte  Der verrückte Ire!"