Mit Eismauke auf Abwegen

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Bergtroll
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Mit Eismauke auf Abwegen

Ungelesener Beitrag von Bergtroll » Mi 16. Okt 2019, 00:13

Wir waren endlich mal wieder unterwegs.

Kurz vor 5 Uhr morgens aufstehen. Dann ging es los. Nach 2 glatt verlaufenen Flügen kamen wir gegen Mittag in Bodø an und mussten nur etwas Gas einkaufen und dann lange auf den Zug warten (bis es um 21 Uhr endlich weiter ging). Ab 23 Uhr im Dunkeln machten wir uns dann auf Zeltplatzsuche im Fjell in der Nähe von Løndsdal. Ich konnte im Bahnhof Bodø vorher ein wenig schlafen. Eismauke aber nicht. Dementsprechend groggy war sie am nächsten Tag, als es los ging. Viel An- und Ausziehen von zu warmer oder zu kalter Ausrüstung. Neueinstellen vom Ruckack. Beschwerden über die geplanten Tageskilometer. Und überhaupt ... musste es denn unbedingt eine Herbst- statt einer Sommertour sein? Auf einer topfebenen und fast überall trockenen Granitplatte fand Eismauke zielsicher die einzig nasse Stelle und legte sich hin. Grosses Geschrei. Ein gebrochenes Steissbein und/oder ein gebrochener Daumen? Ich war jedenfalls Schuld, da mindestes 50m vorgelaufen und das auch noch zu schnell. Nachdem die vermeintlichen Verletzungen als Fake News identifiziert worden waren und sich alle zusammenrissen, konnte die Tour bei bestem Wetter und unerwartet schöner Landschaft endlich losgehen.

Wald, Fjell, Berge, Seen, Strände, Flüsse ... alles war dabei und wir hatten jetzt zunehmend gute Laune.

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Im steinigen Hochfjell setzten später Regen und sehr starker Wind ein. Wir fanden aber einen spannenden und einigermaßen geschützten Zeltplatz im oberen Steindalen hinter einer Moräne an einem See mit Strand auf über 1000m Höhe.

Die nächsten Tage brachten wieder gutes Wetter. Das Laufen war einfach auf den Wegen. Die Zeltplätze schön. Wir fanden überall sehr gut schmeckende Blaubeeren und auch ein paar erfrischende Moltebeeren.


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Als wir am späten Nachmittag am ehemaligen Bauernhof Bredek (nun eine Art Museum; aber im Herbst geschlossen) ankamen, begann es zu regnen. Daher schlug ich vor, das Zelt schnell auf einer sehr ebenen Grasfläche neben einer winzigen Hütte aufzubauen. Eismauke war dagegen, sagte aber nicht weshalb. Somit bauten wir das Zelt auf. Später verriet Eismauke dann, dass sie vorher kurz in die Hütte geschaut hatte und nicht unmittelbar neben bzw. leicht unterhalb einer Toilette zelten wollte. Doh!

Die Flüsse, die nach Bredek folgten, wurden mit bequemen Brücken überspannt. Ich befolgte akribisch die daneben befindlichen, roten Warnschilder ("Forsiktig"), schlich in Zeitlupe drüber und Eismauke hielt gnadenlos mit der Kamera drauf. Die Stimmung war prima.

Dies änderte sich erst wieder, als so ab Tag 4 der permanente Regen im Stormdalen einsetzte und Bushwhacking sowie Flussüberquerungen bei Hochwasser anstanden. Hier drohte Tourabbruch infolge verfrorener Füsse sowie Hypothermie und Mutlosigkeit in Anbetracht diverser vergangener Reiseberichte, die wir vorher gelesen hatten:

"Leichter gesagt als getan. Das Tal war dicht bewachsen und wir mussten uns durch absolut dichtes Gebüsch, Sträucher, Bäume, Pflanzen und Unterholz durchschlagen. Niko ging voraus und der Nachmittag bestand aus „Rambowandern“. Es war sehr zermürbend und anstrengend ..." ( https://www.outdoorseiten.net/forum/sho ... ember-2015 )

"Es regnet - konstant und ohne Pause. ... Ab hier gibt es keinen Pfad mehr, und es geht weglos durch die Pampa. Die Schuhe sind wieder ruck zuck komplett durchgeweicht. Die Büsche und das wilde, manchmal mannshohe Gestrüpp ist so schon nicht leicht zu durchdringen, aber nun ist alles um uns herum auch noch triefend nass. Dazu kommen noch örtliche Sumpfgebiete und rutschige, da vermooste Steinblöcke. Viel Zeit vergeht bei unzähligen Umgehungen; mancher Umweg noch hinzugerechnet. Spaß macht mir das nicht ... die Furt ist nicht ohne: eiskalt und mit flotter Strömung. Der Schuhwechsel ist eigentlich unnötig, da die Stiefel eh schon lange komplett durch sind." ( https://www.outdoorseiten.net/forum/sho ... r-Tagebuch )

"Und so zogen wir in Dauerregen entweder durch Sumpf, 2m hohes Gestrüp, 1,5m hohes Gras oder aber rutschige vermooste Blockhalden das Litlstormdalen aufwärts. Um jeden Busch und jedes Dickicht muss man einen Bogen machen, ich weiß nicht wieviel Kilometer wir eigentlich gegangen sind, aber es waren einfach verdammt viele Mikroumwege. Eigentlich war ja der Pass ins Blakkådalen unser Tagesziel, aber als gegen 17:00 nach einer unkritischen aber SACKRISCH kalter Doppelquerung von Tablokåga und Litlstormdalsåga (Die Grimassen waren nicht fotografierbar, das hätte die Kamera nicht überlebt, und über den Urschrei verlieren wir besser auch keine Worte...) eine kleine Kote auf der Karte eingezeichnet ist und wir sie auch schnell finden machen wir für heute im trockenen Feierabend. ... Das gesamte Litlstormdalen scheint nur aus Sumpf zu bestehen, Zelten wäre sportlich geworden. Am ehesten noch auf den Schwemmebenen entlang es Haupflüsschens. Fazit des Tages: So macht das ganze keinen Spaß." ( https://www.outdoorseiten.net/forum/sho ... tionalpark )

"Ich komme ganz gut voran, bis die Strauch- und Baumgrenze erreicht ist. Ab dann beginnt wieder Rambo-Wandern. Um nicht die großen Zuflüsse auf der rechten Seite durchfurten zu müssen, bleibe ich auf der orographisch linken Talseite. Das stellt sich dann als Fehler raus, denn am Zusammenfluss von Litlstormdalsåga und Storstormdalsåga hat der Fluss viel zu viel Strömung. Wieder etwas flussaufwärts finde ich eine einigermaßen geeignete Stelle, aber es ist ganz schön tief. Der Rucksack wird extra hochgezurrt und ein passender Stock gesucht und dann furte ich mit Stiefeln und Hose (ist sowieso schon nass). Das Wasser reicht bis zum Bauchnabel, die Unterseite des Rucksackes wird nass, aber ich schaffe die grenzwertige Furt. Dann geht's nochmal ziemlich beschwerlich durch Gestrüpp, Sumpf und Nebenflüsse, bis ich die Seilfähre zur Hütte Nordre Stormdalen erreiche." ( https://www.outdoorseiten.net/forum/sho ... g-Sep-2012 )

Alles argumentieren half nichts. Eismauke wollte nach Dunderland raus und die Tour irgendwie umplanen, wenn schon große, starke Männer unter solchen Strapazen im Litlstormdalen litten. Die Flüsse waren bei Hochwasser zu gefährlich. Und dann war da ja noch der Gletscher. Es gab Streit und letztlich musste Eismauke - an einer etwas anderen Stelle - über den ersten Fluss und durch das anschließende Gebüsch mehr oder weniger gedrängt werden. An 2 Tagen gab es somit nur sehr kurze Kilometerleistungen und Camps im Regen an ungeplanten Notzeltplätzen. Der Low Point der Tour.

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Nachdem die Flussquerungen und das nasse Bushwhacking schließlich geschafft waren, lief es wieder super. Gutes Wetter, phantastische Berglandschaft, massig leckere Blaubeeren und eine perfekt funktionierende Wegfindung.

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Am Bogvatnet fanden wir einen schönen Zeltplatz.

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Nach dessen Umwanderung querten wir bei bestem Wetter den Gletscher. Dieser Tag war besonders schön.

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Wir hatten Glück und konnte aufgrund des klaren Wetters die nicht ganz unerheblichen Spaltenzonen gut erkennen und weitgehend vermeiden. Bei schlechter Sicht hätte das etwas unangenehm werden können.

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Direkt nach dem Gletscher fanden wir einen prima Zeltplatz im Sørdalen.

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Eismauke war nun akklimatisiert und bestand am nächsten Tag - ganz unerwartet - auf eine gleichermaßen lange wie unnötige Überquerung eines Flussdeltas bzw. Konfluenz. Ich jammerte lautstark über kalte Füsse (quasi als Revanche für den Meutereiversuch bei den Flüssen vorher). Eismauke sagte, sie liebe es, wenn Männer eine weibliche Seite hätten und diese auch zeigen könnten. Ich sagte nichts mehr.

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Nach einem perfekten Zeltplatz am Storglomvatnet mit Gletscherblick ...

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... wurde das Wetter wieder wechselhafter.

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Aber ok nach der vielen Sonne. Die Landschaft veränderte sich und es ging durch interessantes Karstgelände. Wir hatten die Tour eigentlich schon geschafft und mussten nur noch über Fykan rauslaufen. Stattdessen entschieden wir uns für eine Direktroute nach Glomfjord. Das müsste irgendwie gehen (auch wenn wir hierzu keine Berichte gefunden hatten). Tatsächlich waren die letzten paar Tage etwas anspruchsvoller als erwartet.

Morgens war es noch schön.

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Später machten wir Pause an einem Strand des Fellvatnet und Eismauke genoss spärlich bekleidet die Sonne.

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Als der aufgrund des Wolkenbildes bereits erwartete Sturm einsetzte, fanden wir einen supergeschützten Zeltplatz.

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Anschließend viel Regen, teilweise in Graupel übergehend. Kalter, kräftiger Wind. Offtrack. Mitunter recht steile, glitschige und mit Farn überwachsene Blockfelder (zuletzt entlang einer Stromleitung).

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Inzwischen war Eismauke jedoch im Fjell definitiv "angekommen" und schlug sich wie ein Champ. (Außerdem besonders hervorzuheben: Sie schützte mich während der gesamten Tour hingebungsvoll ... vor den gefühlten Unmengen an unterschiedlichsten Spinnen, die es scheinbar überall im Fjell gab. Ich brauchte nur möglichst panisch Laut zu geben. Für die Entfernung zwei besonders grausliger Biester aus meinem Schuh sowie dem Innenzelt gab es Bonuspunkte und später ein leckeres Essen in Bodø.)

Nachdem wir zurück in die Zivilisation gelaufen waren, setzte sich Eismauke durch und entschied gegen eine kurze und bequeme Busfahrt. Stattdessen wollte sie aus dem Bus raus, 2 Stunden im Regen warten und dann mit dem Boot zurück. Um die Wartezeit und mein Grummeln zu verkürzen, wurde ich mit einem Kakao im Hotel ruhig gestellt. Es war eine der besten Entscheidungen auf der gesamten Tour. Das Wetter besserte sich und die Bootsfahrt war phantastisch.

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Das anschließende Hotelzimmer mit direktem Blick auf den Hafen auch.

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Eine letzte Tageswanderung vor dem Rückflug war noch drin. Vom Kaiservarden konnte man bis auf die Lofoten schauen. Schee war's.

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Die Gegend Saltfjellet-Svartisen hat unsere Erwartungen noch übertroffen. Eine insgesamt richtig tolle, abwechslungsreiche Tour, die mitunter ein wenig anspruchsvoll, aber nicht wirklich schwierig war. Die Landschaft in diesem Teil Norwegens konnte mit allem mithalten, was ich bislang so auf der Welt erlebt habe. Ausreichend einsam war es Anfang September auch. Bis auf eine 3er Gruppe am ersten Tag und ein paar Jäger zum Schluss (kurz nachdem wir an einem Elch vorbeigekommen waren ...) haben wir niemand getroffen.

Lessons learned:

Seal Skinz Socken bringen (selbst wenn sie vielleicht innen trocken bleiben) Eismauke rein gar nichts. Sie bekommt bei ausreichend fiesen Bedingungen trotzdem eiskalte, schmerzende Füße und anschließend evt. Kreislaufprobleme. Nasse Neoprensocken haben (in Alaska) viel besser funktioniert. Für die Hände sollte man evt. auch mal Neoprenhandschuhe ausprobieren.

1 großer Primus Gaskanister hätte für 2 Personen und 2 Wochen voll genügt. Den zweiten haben wir gar nicht benutzt.

Der Mückenschutz war im September komplett unnötig.


(Nur auf Anfrage via PM: Die Slideshow mit vielen weiteren Fotos und Videos in 4K als Link.)
Zuletzt geändert von Bergtroll am So 20. Okt 2019, 06:46, insgesamt 2-mal geändert.

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Re: Mit Eismauke auf Abwegen

Ungelesener Beitrag von Peter » Sa 19. Okt 2019, 22:21

Danke! Sehr schöner Bericht. Ich war jetzt anderthalb Jahre nicht mehr unterwegs...

Bergtroll
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Re: Mit Eismauke auf Abwegen

Ungelesener Beitrag von Bergtroll » So 20. Okt 2019, 06:39

Dann wird es mal wieder Zeit ... ?

(Ich hatte aus beruflichen Gründen auch schon länger keine "richtige" (längere) Tour mehr machen können. Aufgrund der Pause machte es dann aber umso mehr Spass.)

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